Die Entwicklung der Ordensgemeinschaft hängt wesentlich von der Politik ab. So wurden die ersten französischen Ordensmitglieder durch die kirchenfeindliche Politik der Dritten Republik aus Frankreich vertrieben. Sie suchten neue Aufgabenfelder in der Südseemission, im niederländischen Tilburg (1881) und im belgischen Antwerpen (1886). Dort kamen auch immer mehr deutsche Schüler mit dem Orden in Verbindung und schlossen sich ihm durch die Gelübde an.
Aber alle Bemühungen um eine Niederlassung in Deutschland waren zunächst fruchtlos.
Nach jahrelangen Versuchen konnte 1888 in Salzburg-Liefering das erste Ordenshaus auf deutschsprachigem Boden eröffnet werden. 1896 gab die Regierung in Berlin die Erlaubnis zum Bau eines Missionshauses. Die Ortswahl fiel auf Hiltrup bei Münster, weil das katholische Münsterland die besten Voraussetzungen bot für geistliche Berufe. Der Münstersche Bischof Hermann Dingelstad war sehr aufgeschlossen. So konnte endlich mit dem Bau begonnen werden. Am 1. September 1897 wurde die Ordensprovinz kanonisch errichtet, am 13. Dezember 1897 wurde das Missionshaus an der Hammer Straße feierlich eingeweiht. 8 Patres, 14 Brüder und 22 Studenten zogen von Antwerpen in das neue Haus. Erster Superior (Oberer) wurde P. Hubert Linckens. Er war Holländer, hatte in Antwerpen unterrichtet und wurde mit dem Bau des Hiltruper Hauses beauftragt. Mit Ausdauer und Geschick bewältigte er die schwierige Aufgabe! Seit dieser Zeit heißen die Herz-Jesu-Missionare im westfälischen Raum Hiltruper Missionare.
Das Entgegenkommen der preußischen Regierung hatte auch eigensüchtige Motive: Die deutschen Missionare sollten in die neuen Kolonialgebiete in der Südsee gehen und dort die französischen Mitbrüder ablösen. So geschah es auch und seitdem missioniert die norddeutsche Provinz im heutigen Papua-Neuguinea.
Als die Missionare Schwestern anforderten, wurde die Einreise französischer Schwestern nicht erlaubt. Darum gründete Pater Linckens 1900 die „Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu (Hiltrup)“ Sie arbeiten in vielen Ländern der Welt mit den Herz-Jesu-Missionaren zusammen.
In kurzer Zeit kamen viele Schüler und Kandidaten, die in die Ordensgemeinschaft eintreten wollten. So wurde 1902 in Oeventrop bei Arnsberg eine eigene Ordenshochschule eröffnet. Aus ihr gingen – unterbrochen durch die Kriegszeit – in 70 Jahren über 500 Priester hervor!
1914 übernahm die Provinz das Jugendheim Johannesburg in Surwold bei Papenburg von der Diözese Osnabrück und entwickelte es im Laufe der Zeit zu einer mustergültigen Erziehungseinrichtung. 2003 gab der Orden die Trägerschaft ab.
Beim Silbernen Jubiläum 1922 hatte die deutsche Provinz 12 Niederlassungen, einige auch in den USA, wo sich eine eigenständige Provinz entwickelte.
Als nach dem Ersten Weltkrieg, in dem 46 Ordensmitglieder fielen, Deutschland das ehemalige Kolonialgebiet verlor und keine deutschen Missionare mehr einreisen konnten, verlegte sich die Provinz von der „Heidenmission“ auf die „Volksmission“ in Deutschland. Zu diesem Zweck wurden in Hamm und Oberhausen Niederlassungen gegründet. Viele Mitbrüder haben Jahrzehnte in diesem schwierigen Seelsorgsbereich gewirkt und viele Gemeinden durch die Volksmission erneuert.
1925 war die Zahl der Mitglieder so gewachsen, dass aus einer Provinz zwei wurden: die norddeutsche mit Sitz in Hiltrup und die süddeutsch-österreichische mit Sitz in Salzburg. Später wurde das Provinzialat nach Münster verlegt.
1927 übernahmen wir ein Missionsgebiet in China. Wegen der politisch chaotischen Verhältnisse, großer Entfernungen, mangelnder Ausrüstung usw. hatten die Missionare es dort besonders schwer. Aber sie hielten als Seelsorger (gute Hirten) zu ihren Gemeinden und setzten sich mit aller Kraft ein. Mit der kommunistischen Machtergreifung kam eine schwere Leidenszeit mit Verhaftungen und Ausweisungen. Mancher ist daran zerbrochen! 1951 kamen die letzten Chinamissionare zurück.
1938 fuhren die ersten „Hiltruper“ nach Peru, wo sie zunächst in Lima Gemeindearbeit und Religionsunterricht übernahmen. Später gingen sie in die Anden und bauten eine Niederlassung in Huaraz auf. Diese wurde nach einer Naturkatastrophe 1970 aufgegeben und der Schwerpunkt der Arbeit in die Prälatur Caravelí verlagert, eine Andenregion im Süden, die der Gemeinschaft 1961 übertragen wurde. Diese leitet heute Bischof Juan Carlos Vera Plasencia.
Zur Ausbildung des Ordensnachwuchses wurde in Lima ein ordenseigenes Priesterseminar gebaut. In einer Vorstufe werden die Kandidaten in Trujillo ausgebildet.
Die Naziherrschaft war für alle Orden eine schwere Zeit: 1935 wollte man in den so genannten Devisenprozessen den Spendenfluss in die Missionen unterbinden. Einige Patres und Schwestern wurden sogar verhaftet.
Die Theologiestudenten, Patres und Brüder wurden Soldaten und dienten meist als Sanitäter. Den Hiltruper Monatsheften wurde kein Papier mehr bewilligt und sie mussten ihr Erscheinen einstellen. Und schlimmstes Verbrechen: Die Gemeinschaften wurden im so genannten Klostersturm aus ihren Häusern verjagt und diese von den Nazis für ihre Zwecke missbraucht. Über 80 Mitglieder kamen durch den Krieg um.
Nach dem Krieg begann 1946 bereits die
1963 wurde in Homburg/Saar ein neues Internat eröffnet,
das Hiltruper einige Jahre später geschlossen. Aus dem
Saarland und der Pfalz kamen viele Schüler zu uns und so
entschlossen sich die Oberen auch für ein Gymnasium als
Privatschule. Das
Durch den Austritt mancher Mitbrüder, Tod und ausbleibenden Nachwuchs musste die Ordensprovinz die meisten Niederlassungen aufgeben und verkaufen.
Das alte Missionshaus in Hiltrup wird verkauft, 1975 das neue eingeweiht. Ebenso nach 70 Jahren das alte Missionspriesterseminar in Oeventrop. Zwei Jahre später ein neues Haus als Alterssitz für die Dozenten eingeweiht.
1997 feiert die Provinz in Hiltrup das große Jubiläum. 100 Jahre Deutsche Provinz und Haus Hiltrup.Bei aller Freude über das Erreichte beherrscht doch die Sorge um die Zukunft uns alle. Wie fast alle Ordensgemeinschaften sind wir überaltert und haben keinen Nachwuchs. Darum ist heute eine neue Spiritualität des Alters und Alterns nötig, die sich der engen Grenzen bewusst ist, aber auch in einem hoffenden Vertrauen neue Wege sieht. Vielleicht sind die Gestalten der Bibel neu zu entdecken, die oft in ähnlicher Lage waren und schier unerträglich lange auf die Erfüllung der Verheißung warten mussten: Von Abraham bis Simeon. Ihm legt der Evangelist die tröstenden Worte in den Mund: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“